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Ganztag stärken – Personal qualifizieren

Das Bild zeigt Andre Altermann

Der Ausbau des Ganztags stellt Schulen und Träger vor große Herausforderungen – insbesondere bei der Qualifizierung von Menschen im Ganztag ohne pädagogische Ausbildung. Das Projekt KoGat (Kompetent im Ganztag) setzt genau hier an. Mit KoGat wurde ein Curriculum entwickelt, das Basiskompetenzen für Mitarbeitende im Ganztag ohne pädagogische Ausbildung vermittelt. Wir sprachen mit André Altermann, der an der Entwicklung des Curriculums mitgewirkt hat,über die Hintergründe, Ziele und Perspektiven des Qualifizierungskonzepts.
 

Was war der ausschlaggebende Anlass für die Entwicklung von KoGat, wer hat daran mitgewirkt – und warum war dieses Weiterbildungskonzept aus Deiner Sicht genau zu diesem Zeitpunkt notwendig?

Die Entwicklung eines Curriculums zur Qualifizierung von Personal im Ganztag ohne pädagogische Ausbildung erfolgte im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Für die Durchführung verantwortlich war ein Konsortium, bestehend aus der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung GmbH (DKJS), dem Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen, dem Sozialwerk für Bildung und Jugend gGmbH (SBJ) und dem Institut für soziale Arbeit e. V. (ISA). Begleitet wurde die Entwicklung durch einen Expert:innen-Beirat aus Wissenschaft, Politik, Gewerkschaften, Trägern der Freien Wohlfahrtspflege und weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren. 

Ein wichtiger Impuls war sicherlich der bevorstehende Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung im Grundschulalter ab dem Schuljahr 2026/27 und dem damit zu erwartenden Mehrbedarf an Personal, bei einem sich gleichzeitig verschärfenden Fachkräftemangel. Im Grunde muss man aber anerkennend und wertschätzend betonen, dass wir im Ganztagsausbau der letzten 20 Jahre schon auf die Gruppe der sog. pädagogischen Laien angewiesen waren und es nach wie vor sind. 

Im schulischen Ganztag waren und sind sie nicht nur systemrelevant, sondern systemstabilisierend. Viele Träger haben sich in der Vergangenheit bereits auf den Weg gemacht und Qualifizierungskonzepte für ihr Personal entwickelt. Mit dem KoGat Curriculum liegt nun ein Qualifizierungskonzept vor, das aufgrund seiner mit Fachexpert:innen validierten Inhalte, die für die Arbeit im Ganztag notwendigen Basiskompetenzen für Personal ohne einschlägigen Abschluss beschreibt. Durch eine enge Verknüpfung von Theorie und Praxis sollen auf KoGat aufbauende Qualifizierungen zu mehr Handlungssicherheit im Arbeitsalltag führen aber auch Zuständigkeitsbereiche von Fachkräften aufzeigen. Eine KoGat Qualifizierung ist somit kein Ersatz für eine grundständige pädagogische Ausbildung! 

 

KoGat richtet sich an Mitarbeitende im Ganztag ohne pädagogische Ausbildung. Welche Stärken bringen diese Mitarbeitenden mit, die im Ganztag oft unterschätzt werden?

Wenn wir von der Gruppe „Personen ohne einschlägige pädagogische Ausbildung“ sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass es sich um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Hierzu gibt es kaum oder nur unzureichend empirisch gesichertes Wissen. Aus Kontakten zur Praxis wissen wir aber, dass es Personen sind, die sich aufgrund ihres Alters, ihrer Lebenssituation, Vorqualifizierungen und -erfahrungen aus anderen Berufsfeldern u.w.m deutlich unterscheiden. Pauschale Antworten zu individuellen Stärken sind somit kaum möglich. Ganz allgemein lässt sich aber sagen, dass Quereinsteigende wertvolle Erfahrungen aus anderen Berufsfeldern mitbringen oder durch teilweise langjährige Arbeit im Ganztag über einen großen Fundus an praktischer Erfahrung verfügen. Es gibt Anzeichen dafür, dass das Personal im Ganztag eine relativ hohe Bindung an den Arbeitsbereich aufweist und sich zudem arbeitsfeldspezifische Qualifizierungsangebote wünscht. Somit besteht das Potenzial, das Ganztagspersonal mit zum Teil profunden Erfahrungswissen weiterhin langfristig an das Arbeits- und Handlungsfeld Ganztag zu binden und möglicherweise auch Anreize für die Aufnahme einer grundständigen Ausbildung zu setzen.

 

Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende im Ganztag heute besonders, um Kinder im Alltag gut zu begleiten?

Nun, ich könnte schlicht auf die Inhalte des KoGat-Curriculums verweisen, denn unser Anspruch war es Basiskompetenzen zu vermitteln, die eine fachliche Grundlage bilden um Kinder bestmöglich begleiten, fördern und betreuen zu können. Hervorheben möchte ich aber die in den Basismodulen thematisierten notwendigen kommunikativen Kompetenzen von Ganztagspersonal sowie alle Qualitätsdimensionen einer kindorientierten Ganztagsbildung, die wir in den Aufbaumodulen vertieft behandeln. Dazu gehören sicherlich Kinderrechte als Leitlinien des pädagogischen Handelns, allen voran das Recht auf Beteiligung aber auch die reflexive Auseinandersetzung mit Haltungsfragen, ethischen Grundsätzen in pädagogischen Beziehungen und pädagogische Werte.
 

Ganztag lebt von Zusammenarbeit. Wie unterstützt KoGat Mitarbeitende dabei, ihre Rolle im multiprofessionellen Team zu finden und sicher auszufüllen?

Zunächst behandeln wir in den Basis- und Aufbaumodulen explizit die Themen multiprofessionelle Kooperation, Zusammenarbeit mit Eltern, Kooperationspartner:innen etc.

Mit Blick auf die Rolle von Ganztagspersonal ohne einschlägige Ausbildung scheint mir aber auch wichtig, dass wir durch eine Orientierung an den Dimensionen des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR), also die Unterscheidung von personalen Kompetenzen (Sozialkompetenz und Selbständigkeit) und Fachkompetenzen (Wissen und Fertigkeiten) aufgezeigt haben, wo aus einer fachlichen Perspektive Zuständigkeitsgrenzen zu einschlägig ausgebildetem Personal liegen. Dazu haben wir zu Beginn eines jeden Moduls tabellarisch sogenannte Lernergebnisse vorangestellt, die verdeutlichen sollen, welches Kompetenzniveau mit dem KoGat-Curriculum angestrebt wird. Daraus lässt sich auch für Anstellungsträger ableiten, welche Aufgaben die Absolventinnen und Absolventen in Eigenverantwortung oder als Unterstützungsleistung für Fachkräfte übernehmen können.
 

Mit Blick auf den kommenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung: Wie wird das Konzept in die Praxis getragen?

Das lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen, denn das Modulhandbuch ist erst zum Ende 2025 veröffentlicht worden. Es braucht jetzt einige Zeit damit Qualifizierungs- und Anstellungsträger aber auch fachpolitische Akteure auf Landesebene sich mit dem Curriculum und den damit verbundenen Fragen zur Umsetzung auseinandersetzen. Wir erhalten aber durchaus bereits jetzt und auch schon im Entwicklungsprozess einzelne Anfragen von Kommunen, Ganztags- und Qualifizierungsträgern, die ein großes Interesse an der Umsetzung des KoGat-Curriculums haben. Insofern hoffe ich, dass wir mit dem KoGat-Curriculum wichtige Impulse für die fachliche Weiterentwicklung des Arbeits- und Handlungsfeldes Ganztag setzen.

Download des KoGat-Curriculums

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