Eine Schule, ein Team, ein Ganztag

Ein Praxisbeispiel der Lindenschule in Gronau zu den Themen multiprofessionelle Zusammenarbeit und pädagogische Raum- und Flächennutzung

An der Lindenschule in Gronau wird Ganztag nicht als zusätzlicher Bereich neben der Schule verstanden. Unterricht, pädagogisches Nachmittagsangebot, Räume, Absprachen und Verantwortlichkeiten greifen hier so selbstverständlich ineinander, dass die Grenze zwischen Vormittag und Nachmittag im Alltag kaum sichtbar wird. Für die Kinder bedeutet das: Sie erleben ihren Schultag nicht als Wechsel zwischen zwei Systemen, sondern als zusammenhängenden pädagogischen Rahmen.

„Die Lindenschule hat keine OGS. Sie ist eine OGS!“

Dieses Selbstverständnis prägt die Arbeit der zweizügigen, inklusiven Gemeinschaftsgrundschule, die im Schuljahr 2025/2026 von etwa 210 Schülerinnen und Schülern besucht wird. Als Startchancenschule arbeitet die Lindenschule unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen und setzt dabei bewusst auf enge Zusammenarbeit, kurze Kommunikationswege und eine gemeinsame Verantwortung für den ganzen Tag. Rund 130 Kinder nehmen am pädagogischen Nachmittagsangebot teil, das vom Förder- und Trägerverein Lindenschule e. V. getragen wird.

Schulleitung, Ganztagskoordination, Lehrkräfte, sozial- und sonderpädagogische Fachkräfte, Erzieher:innen sowie weitere pädagogische Mitarbeiter:innen verstehen sich dabei nicht als getrennte Teams für unterschiedliche Tagesabschnitte. Sie arbeiten als multiprofessionelles Gesamtteam zusammen. Pädagogische Kräfte aus dem Nachmittagsbereich sind auch im Vormittag präsent, während sich Lehrkräfte ebenfalls in den Nachmittag einbringen. So entstehen Beziehungen, Absprachen und Verantwortlichkeiten, die nicht mit dem Unterrichtsschluss enden. 

„Kommunikation ist das A und O“

Damit diese Zusammenarbeit im Alltag funktioniert, braucht es verlässliche Möglichkeiten für Austausch und Abstimmung. An der Lindenschule wird die enge Zusammenarbeit durch feste Strukturen gestützt, die den regelmäßigen Austausch im Schulalltag verankern. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei die Steuergruppe Vormittag–Nachmittag. In wöchentlichen Treffen stimmen sich Schulleitung und Ganztagskoordination zu aktuellen Entwicklungen, pädagogischen Fragen und organisatorischen Abläufen ab. Neben konkreten Herausforderungen des Alltags geht es dabei auch um die gemeinsame Weiterentwicklung des Ganztags. Aber auch jenseits dieser festen Treffen sind die Wege kurz: Die Büros von Schulleitung und Ganztagskoordination liegen unmittelbar nebeneinander, sodass viele Fragen dadurch direkt aufgegriffen werden können.

Auch in den weiteren schulischen Besprechungsstrukturen ist der Ganztag fest verankert. Die Ganztagskoordination ist an Lehrerkonferenzen und Dienstbesprechungen beteiligt, bei denen die Ganztagsgruppen einen eigenen Tagesordnungspunkt bilden. Ergänzend kommen Klassen- und Gruppenleitungen in jahrgangsbezogenen Besprechungen zusammen. Zu Beginn jedes Schuljahres trifft sich zudem das gesamte pädagogische Team zu einer gemeinsamen Konferenz. Neben diesen formalen Austauschformaten spielt auch der informelle Kontakt im Schulalltag eine wichtige Rolle. Dies zeigt sich besonders deutlich am gemeinsamen Teamzimmer für alle. Anstelle eines ausschließlich den Lehrkräften vorbehaltenen Lehrerzimmers steht hier ein Raum zur Verfügung, den die unterschiedlichen Professionen gemeinsam nutzen. Er dient als Arbeitsort, Treffpunkt und als Möglichkeit für den kurzen Austausch zwischendurch.

Damit Informationen nicht nur ausgetauscht werden, sondern tatsächlich alle Beteiligten erreichen, verbindet die Lindenschule digitale und analoge Kommunikationswege. Neben E-Mail und Microsoft Teams gehören beispielsweise ein gemeinsames Korrespondenzbuch, eine Infowand sowie zentral einsehbare Einsatz-, Stunden- und Vertretungspläne zum Alltag. Dabei ist weniger das einzelne Kommunikationsmittel entscheidend als dessen verlässliche Nutzung. Informationen sollen für alle Beteiligten zugänglich sein und unabhängig davon verfügbar bleiben, in welchem Bereich oder zu welcher Tageszeit jemand arbeitet. Auch gegenüber den Familien tritt das Team gemeinsam auf. Elternabende werden zusammen gestaltet und bei Elternsprechtagen oder weiteren Gesprächen können unterschiedliche Professionen beteiligt werden. Dadurch erhalten Eltern Informationen aus Vormittag und Nachmittag als zusammenhängenden Blick auf den Schultag ihres Kindes. Zugleich erleben sie Schule und Ganztag zunehmend als eine Einheit.

„Man kann hier nicht nicht verzahnen“

Wie eng Vormittag und Nachmittag miteinander verbunden sind, zeigt sich an der Lindenschule nicht nur in der Kommunikation. Auch die Nutzung des Schulgebäudes folgt diesem Grundgedanken. Das Gebäude ist nicht in einen Unterrichtsbereich und einen davon getrennten OGS-Bereich aufgeteilt. Klassenräume, Fachräume und Gemeinschaftsflächen werden über den Tag hinweg von unterschiedlichen Gruppen genutzt. Dabei kommt der Schule ihre räumliche Gestaltung an einigen Stellen zugute. Große Glasflächen schaffen beispielsweise Sichtbeziehungen zwischen unterschiedlichen Bereichen und unterstützen eine offene Gestaltung des Schulalltags. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Architektur, sondern vor allem die Frage, wie vorhandene Räume und Flächen pädagogisch genutzt werden.

Klassen- und Fachräume sind deshalb nicht dauerhaft einer bestimmten Tageszeit oder Profession vorbehalten. Funktionsecken eröffnen unterschiedliche Möglichkeiten für Lernen, Spielen, Rückzug und Begegnung. Flexibles Mobiliar und bewegliche Elemente ermöglichen es zusätzlich, Räume an unterschiedliche Gruppen und Situationen anzupassen. Der pädagogische Blick auf Raum endet dabei nicht an der Tür des Klassenraums. Auch geeignete Flächen außerhalb der Klassenräume werden einbezogen. Tischgruppen und Sitzgelegenheiten in Flurbereichen schaffen zusätzliche Möglichkeiten zum Lernen, Arbeiten oder für den Aufenthalt. Damit betrachtet die Schule nicht nur einzelne Räume, sondern das Gebäude insgesamt als pädagogisch nutzbare Fläche.

Ein weiteres Beispiel für diesen kreativen Umgang mit vorhandenen Flächen bietet die Mensa mit ihrer angrenzenden Terrasse. Werden einzelne Zaunelemente entfernt, kann der Außenbereich beispielsweise als Bühne für Aufführungen und gemeinsame Veranstaltungen genutzt werden. Eine bereits vorhandene Fläche erhält dadurch eine zusätzliche Funktion, ohne dass dafür ein eigener Raum benötigt wird.

Damit die gemeinsame Nutzung im Alltag funktioniert, braucht es klare Absprachen. Raumpläne und verbindliche Vereinbarungen schaffen Orientierung und helfen dabei, die vorhandenen Flächen für unterschiedliche Gruppen, Angebote und Bedarfe zu koordinieren. Zugleich zeigt sich auch an der Lindenschule, dass die räumlichen Rahmenbedingungen trotz vieler durchdachter Lösungen Potenzial für Weiterentwicklung haben. Die Kapazitäten sind begrenzt, und mit Blick auf den Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung im Grundschulalter zeichnen sich mittelfristig weitere Herausforderungen ab. Gerade deshalb bleibt die bewusste Planung und Abstimmung der vorhandenen Räume zentral. Die Lindenschule zeigt, wie Flächen im Alltag mehrfach genutzt, flexibel angepasst und pädagogisch weitergedacht werden können, ohne die bestehenden Grenzen auszublenden.

Der Weg zum Ziel

Die heutige Verzahnung an der Lindenschule ist nicht aus einer einzelnen Maßnahme oder einem abgeschlossenen Konzept hervorgegangen, sondern entwickelte sich über mehrere Jahre. Einige Entwicklungen waren dabei zusammenfassend besonders prägend:

  1. Neue räumliche Möglichkeiten schaffen: Mit der Sanierung und Erweiterung des Schulgebäudes entstanden 2014 räumliche Rahmenbedingungen.
  2. Räume gemeinsam denken: Statt Räume dauerhaft dem Vormittag oder Nachmittag zuzuordnen, entwickelte sich eine gemeinsame Nutzung über den gesamten Schultag. Damit rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, welche Funktion eine Fläche für die Kinder erfüllen kann.
  3. Zusammenarbeit verbindlich organisieren: Mit der gemeinsamen Nutzung entwickelten sich auch die Formen der Abstimmung weiter. Verbindliche Besprechungs- und Kommunikationsstrukturen unterstützen heute die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen.
  4. Strukturen kontinuierlich weiterentwickeln: Raumnutzung, Kommunikationswege und Absprachen werden nie als unveränderlich betrachtet, sondern werden immer wieder an neue Anforderungen und Bedarfe angepasst. Die Verzahnung von Vormittag und Nachmittag bleibt damit eine kontinuierliche gemeinsame Entwicklungsaufgabe.

Auch wenn räumliche Voraussetzungen diesen Prozess unterstützen können und an vielen Stellen erleichtern, bleibt jedoch die Haltung entscheidend, mit der sie genutzt werden: Erst durch kreative Lösungen, verbindliche und wertschätzende Kommunikation und die gemeinsame Verantwortung für die Kinder wird aus einem gemeinsam genutzten Gebäude eine Schule für den ganzen Tag.


Wirkungen, Erfahrungen & Ausblick

Was sich verändert hat:

  • Verlässliche Bezugspersonen & gemeinsame Regeln geben Orientierung.
  • Informationen & Unterstützungsbedarfe werden über den Tag transparent geteilt.
  • Kinder & Eltern erleben Schule & Ganztag als Einheit.
  • Kurze Wege & gemeinsame Verantwortung stärken das Team.

Tipps & Praxisempfehlungen

Worauf es ankommt:

  • Ganztag als gemeinsame Aufgabe verstehen & gemeinsame Haltung entwickeln.
  • Austausch & Informationswege verbindlich organisieren.
  • Räume flexibel & gemeinsam nutzen.
  • Strukturen regelmäßig prüfen & weiterentwickeln.


Steckbrief: Lindenschule - Gemeinschaftsgrundschule Gronau

Name der SchuleLindenschule
AnschriftSparenbergstraße 14
48599 Gronau
RegionKreis Borken
SchulformGrundschule
Anzahl der Kinder im Ganztag130
Beteiligte Träger / Kooperationspartner

Förder- und Trägerverein Lindenschule e. V. 

(anerkannter freier Träger der Jugendhilfe)

Hospitation möglichJa (nach Absprache)
Materialien verfügbarNein

Zur Schulwebsite

Kontakt

Melanie Mönninghoff

Milena Mertens


Zum Seitenanfang